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Distancing zu Corona-Zeiten: eine zusätzliche Belastung für HIV-Betroffene

Manche Menschen, welche die 1980er-Jahre miterlebt haben, fühlen sich in der aktuellen Corona-Krise wie an den Beginn der Aids-Epidemie zurückversetzt. Aber lassen sich SARS-CoV-2 und HIV miteinander vergleichen und was bedeutet die aktuelle Pandemie für HIV-Betroffene? Eine aktuelle Studie* beleuchtet weitergehende Aspekte zu krankheitsverstärkenden Herausforderungen.

Zur auch in der Schweiz gewählten Bezeichnung «Social Distancing» gibt es differenzierte Ansichten. Während die einen der Meinung sind, man wisse ja, was damit gemeint ist, vertreten andere den Standpunkt, dass eben genau im «sozialen» Bereich nicht auf Distanz gegangen werden soll.

«We need physical distancing NOT social distancing. We actually need to increase our social cooperation.»
Prof. Ilona Kickbusch, Health Consult and Director of the Global Health Programme at the Graduate Institute of International and Development Studies, Geneva, Switzerland

Schon jetzt brauchen Menschen Hilfe, die aufgrund ihres Alters, ihrer chronischen Erkrankungen oder schwachem Immunsystem besonders durch COVID-19 gefährdet sind. Menschen, die ihre Wohnungen nicht mehr verlassen können, vielleicht ohnehin nur noch wenig soziale Kontakte haben und zu vereinsamen drohen. Viele HIV-Betroffene haben die Aids-Krise durchgemacht und fühlen sich nun wieder zurückgeworfen in ein überstanden geglaubtes Trauma. Warum aber kann die aktuelle Coronavirus-Pandemie HIV-Betroffenen trotz wirksamer Therapie schwerer zu schaffen machen? Ein Teil der Erklärungen liegt im Bereich der „Syndemie“.

Syndemischer Effekt

Wenn zwei oder mehrere Krankheiten zeitgleich oder zeitnah vorkommen, kann das Krankheitsbild durch die gegenseitigen Wechselwirkungen verschlimmert werden. Dann spricht man von einem syndemischen Effekt.

Die im April 2020 publizierte Studie* “The Burden of COVID-19 in People Living with HIV: A Syndemic Perspective” (Die Last von SARS CoV-19 bei HIV-betroffenen Personen: eine syndemische Perspektive) zeigt auf, dass für eine effektive Behandlung einer HIV-COVID-19 Koinfektion nebst den viralen Interaktionen auch die psychosozialen Lasten mitberücksichtigt werden müssen. Und selbst wenn keine SARS CoV-19 Infektion vorliegt, kann die Angst vor weiteren Krankheiten für HIV-Betroffene sehr belastend sein und negative gesundheitliche Auswirkungen mit sich bringen.

Syndemische Konzeptualisierung einer HIV- und COVID-19-Koinfektion bei HIV-Betroffenen

Das empfohlene “Physical Distancing” oder die soziale Isolierung zur Reduktion der Verbreitung von COVID-19 bedeuten für bereits hochbelastete Menschen zusätzliche Bürde. Physische Distanzierung - wie Menschenansammlungen vermeiden, Streichen von grossen Events, Schulen schliessen, zuhause bleiben und von zuhause aus arbeiten – hat zwar nachweislich bewiesen, dass die Rate von neuen COVID-19 Ansteckungen gesenkt werden kann. Über die Auswirkung von physischer, durch eine Pandemie erzwungene, Distanzierung auf HIV-positive Menschen wissen wir jedoch erst wenig. Ältere HIV-Betroffene hatten grössere Einsamkeit und soziale Isolation sowie Schaden für ihr soziales und emotionales Wohlbefinden und ihre Gesundheit infolge Social Distancing schon erfahren. Die aktuelle Pandemie birgt aber ein gewisses Risiko einer möglichen schlechteren Selbstfürsorge für alle HIV-Betroffenen, weshalb „aktiv werden, statt sich ohnmächtig zu fühlen“ besonders wichtig ist.

If you can’t go outside, go inside!

Die Corona-Pandemie ist eine Bedrohung, welche die ganze Gesellschaft betrifft. Massnahmen wie Quarantäne oder Ausgangssperre schränken unsere Bewegungsfreiheit ein. Es gibt kaum „Zufluchtsorte“, an denen das Thema nicht spürbar ist. Das kann ängstlich, ohnmächtig oder wütend machen. Aber wir können in dieser Situation durch Austausch mit anderen auch erfahren, dass wir mit unseren Sorgen nicht alleine dastehen.

Wir können zudem eine Menge dafür tun, dass die „Corona-Krise“ nicht auch zur persönlichen Krise wird. Im jetzt geforderten und für viele schwer aushaltbaren „Social Distancing“, bei dem ja eigentlich nur ein körperliches Distanzieren gemeint ist, könnte gar eine Chance liegen. Vielleicht üben oder reaktivieren wir andere Kommunikationsformen? Und Rückzug kann auch Raum und Zeit schaffen, über das eigene Leben nachzudenken. Kommen wir mit nicht zu vielen Blessuren durch diese Zeit, finden wir uns vielleicht „danach“ mit einem neuen Kompass für die Zukunft wieder.

Gegen Isolation und Einsamkeit

In Zeiten von Physical Distancing und Homeoffice kämpfen viele Menschen mit Gefühlen von Einsamkeit und Isolation. Das neue Coronavirus bringt eine aussergewöhnliche Situation, welche uns zwingt, uns in unseren Alltagsgewohnheiten neu zu finden. Wir müssen in kurzer Zeit neue Wege finden, um persönliche Kontakte zu pflegen und Nähe zu spüren. Wir müssen die gemeinsame Kaffeepause oder das Feierabendbier ersetzen. Wir müssen Ideen finden, um uns mit unseren Freunden und weiterer Familie verbunden zu fühlen. Wenn all das auf einen Schlag wegfällt, kann dies bei Menschen Stress auslösen und das Gefühl der Isolation und Einsamkeit verstärken. Was können wir gegen diese Gefühle tun? Tipps finden Sie auf dureschnufe.ch, der Plattform für psychische Gesundheit rund um das neue Coronavirus.

Quellen:
*The Burden of COVID-19 in People Living with HIV : A Syndemic Perspective.
Dureschnufe - Plattform für psychische Gesundheit rund um das neue Coronavirus
Deutsche Aidshilfe e.V.

CH-HIV-2020-12-0025

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