Zum Hauptinhalt springen
Logo Embrace Life

Judith, HIV-positiv, und Freund Sven, HIV-negativ

«Meine Mutter starb, als ich 4 Jahre alt war. Das HI-Virus habe ich von ihr, als einziges ihrer Kinder. Jeder dachte damals, dass ich nicht älter als 3 Jahre alt werde. Mein Vater gab mich aber nie auf. Als Kind hatte ich immer wieder Lungenentzündungen und Magen- und Darmprobleme. Was die «Käferchen im Blut» bedeuten, verstand ich nicht wirklich und nahm es auch nicht so ernst.

Als ich 11 Jahre alt war, sagte man mir, dass ich das HI-Virus habe – und als 13-jährige Oberstufenschülerin hatte ich schliesslich genug von den Heimlichkeiten: Mein Hausarzt redete mit dem Lehrer. Der Sexualunterricht wurde in der Schule daraufhin vorgezogen und mein Arzt und eine Psychologin kamen dazu. Die Mitschüler wurden aufgeklärt und ich outete mich. Ich wurde für meine Offenheit und meinen Mut richtig gefeiert: Schon nach kurzer Zeit wusste die ganze Stadt Bescheid. Küssen wollte mich dann aber während der Schulzeit doch kein Junge mehr.

«Ich kämpfte schon damals: Gegen die Stigmatisierung und das Unwissen in der Gesellschaft. Im Zusammenhang mit HIV wird meist nur von homosexuellen Männern gesprochen. Was ist mit den Kindern und Frauen?»

Wichtig finde ich, dass Jugendliche und Kinder, die das HI-Virus haben, von ihren Müttern und Ärzten unterstützt werden und einen Ort haben, wo sie sich geborgen und aufgehoben fühlen. Denn viele werden schon früh mit Tod und Verlust konfrontiert, das prägt. Als ich älter wurde, hatte ich einige Krisen zu bewältigen, physisch wie psychisch. Trotzdem: Vor 7 Jahren habe ich einen gesunden Sohn zur Welt gebracht. Dass dies als HIV-positive Frau – unter funktionierender antiretroviraler Therapie – möglich ist, wissen viele immer noch nicht.

Ich bin sehr dankbar, dass ich schon sehr früh mein «Helfernetzwerk» hatte. Deshalb gehe ich auch heute nach Möglichkeit an Schulen, um Jugendlichen meine Geschichte zu erzählen und aufzuklären.»

 

Sven: «Ich lernte Judith 2015 kennen. Wir verstanden uns sofort gut. Gleich nach ein paar Stunden sagte sie mir, dass sie HIV-positiv sei. Wie ich reagierte? Ich war beeindruckt von ihrem Mut und dem Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte. Wahrscheinlich war ich schon damals besser über HIV informiert als der Durchschnitt.

«Die Isolierung der Betroffenen und die Stigmatisierung muss aufhören. Ich stehe zu Judith, mit oder ohne HIV!»

Angst ist ein schlechter Ratgeber, Respekt soll man haben, und sich schützen ist Pflicht. Ich schaue zu meiner Partnerin und unterstütze sie in ihrer Therapie. Das tue ich für uns beide. Und ich weiss, dass sie alles macht, um gesund zu bleiben. Auch für uns. Seit 3 Jahren hat Judith den Status n=n (nicht nachweisbar = nicht übertragbar), das heisst, dass die Viruslast unter antiretroviraler Therapie so weit abfällt, dass das Virus nicht mehr nachweisbar ist. Darüber wissen immer noch viel zu wenige Leute Bescheid. Überhaupt stört es mich, wie wenig die Gesellschaft informiert ist.»

Mehr Artikel