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Vier Fragen an Prof. Manuel Battegay, Chefarzt für Infektiologie und Spitalhygiene am Basler Universitätsspital

1.     Bestand respektive besteht für Menschen mit HIV ein erhöhtes Risiko, an COVID-19 zu erkranken?

Bis anhin haben wir diese Erfahrung in Basel, aber auch in anderen Schweizerischen Zentren, nicht gemacht. Dies hängt vielleicht damit zusammen, dass Menschen mit HIV in der Schweiz namentlich durch die Betreuung innerhalb der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie, sehr gut auch hinsichtlich ihrer Komorbiditäten betreut und behandelt sind. Im Rahmen der Schweizerischen Kohortenstudie findet ebenso eine Erhebung hinsichtlich COVID-19 statt. Wir fragen jeden Patienten, ob er/sie entsprechende Beschwerden hatte und gegebenenfalls auch ein positives Testresultat für SARS-CoV-2.

2.     Wir hören heute in Zusammenhang mit COVID-19 immer wieder den Appell an die Eigenverantwortung. Mit Blick auf Forderungen aus der Community bezüglich Schutz vor einer HIV-Infektion: Glauben Sie, dass die heutige Gesellschaft Eigenverantwortung wahrnehmen kann respektive will?

Diese Frage ist so alt, wie die Menschheit. Verantwortung ist ein Hauptthema eigentlich jeder Kultur, Religion und Gesellschaft.

Albert Camus, Schriftsteller und Philosoph (1913 – 1960) betrachtete die Solidarität, die Zusammenarbeit und eigenständiges Handeln, also Eigenverantwortung, als höchste menschliche Werte. Ich möchte mit einer Parabel aus dem über 2000 Jahre alten babylonischen Talmud antworten, der das hebräische Testament diskutiert. Dort wird die Geschichte von Choni Hame’agel berichtet (Traktat Taanit 23a). Choni sah am Wegrand einen Mann einen Johannisbrotbaum pflanzen. Er fragte ihn: „Dieser Baum da, in wieviel Jahren wird er Früchte tragen?“ Der Mann antwortete: „Das wird mindestens 70 Jahre dauern“. Choni staunte. „Bis Du sicher, dass Du in 70 Jahren noch leben wirst?“ Der Mann antwortete: „Genauso wie meine Vorfahren den Baum für mich pflanzten, pflanze ich ihn für meine Kinder“.  Diese Parabel steht für den Respekt für die vergangene und für die nächste Generation, für die Natur, aber auch für das Miteinander im Hier und Jetzt. Die Geschichte strahlt Vertrauen und Zuversicht aus, dass das Wirken, also die Eigenverantwortung nicht unmittelbar ersichtlich ist, aber Früchte haben wird. Insofern meine ich schon, dass die Solidarität, die Eigenverantwortung gerade in der Schweiz, wie wir sie jetzt erleben, sehr gross ist. Eine pauschalisierende Antwort, wie sich jeder hierzu verhält, lehne ich ab, denn jeder weiss von sich selber, dass dies kein Schwarz-Weiss ist.

3.     Gibt es Erfahrungen aus der Geschichte von HIV und Aids, die uns bei der jetzigen COVID-19-Pandemie und allenfalls weiteren Pandemien in Zukunft nützlich sein könnten?

Zuerst, es sind völlig verschiedene Viren. Die HIV-Infektion eine immer persistierende, chronische Infektion, SARS-CoV-2 eine immer akute oder subakute, aber nie chronische Infektion. Insofern sind deutlichste virologische und biologische Unterschiede vorhanden. Trotzdem gibt es Ähnlichkeiten, z.B. was die grosse Unsicherheit zu Beginn der Pandemie in Bezug auf Übertragbarkeit angeht oder im Bereich der Therapien. Bei HIV/Aids wurden zu Beginn ebenfalls Therapien angewendet, von denen man nicht wusste, ob sie überhaupt wirksam waren. Vielfach ausserhalb von kontrollierten Studien. Beobachtungsstudien, wenn gut durchgeführt, trugen zum Wissen bei. So haben wir z.B. 1997 als erste in einer sehr gross angelegten Studie der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie mit über 5'000 Patienten dokumentiert, dass die Reduktion der Sterblichkeit mit Kombinationstherapien bereits damals um die 70% betrug. Das heisst, der Umgang mit Unsicherheit hat gewisse Ähnlichkeit.

4.     Bei HIV waren es die antiretroviralen Therapien, die den Durchbruch geschafft haben. Heute können Menschen mit HIV dank der weiter entwickelten Wirkstoffe ein weitgehend normales Leben leben. Die Lebenserwartung entspricht denen der Durchschnittsbevölkerung. Bei COVID-19 wartet die Menschheit auf einen Impfstoff. Müssen wir mehr in die pharmazeutische Forschung speziell im Bereich viraler Infektionskrankheiten investieren, um künftig noch besser gewappnet zu sein?

Es ist keine Frage, dass für wirksame Medikamente und Impfstoffe gegen COVID-19 investiert werden muss. Wir sehen ja die immensen Investitionen für die Entwicklung eines Impfstoffes, aber auch für Medikamente. Hinzu kommt, dass bereits etliche Impfstoffe in Massen produziert werden, obwohl noch gar nicht klar ist, ob diese wirken werden. Insofern sind die Investitionen wohl noch höher als sonstige Impfstoffentwicklungen. Und an dieser Stelle darf man nicht vergessen, dass die mitunter grössten Forstschritte der Medizingeschichte im Bereich Virostatika geschrieben wurde wie der Therapie gegen HIV und Hepatitis C.

CH-HIV-2021-01-0017

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